Johanna Kirchner - politische Visionärin und sensible Frau















Mit Schimpf und Schande von unserem Reich schon vor Jahren aus unserer Mitte ausgestoßen, wird sie - für immer ehrlos - mit dem Tode bestraft."

Rudolf Freisler





















Johanna Kirchner,
geborene Stunz




Modebewusst und sensibel, gut aussehend, kontaktfreudig, vital, mit einer Schwäche für Hüte und Schuhe. Sie liebt ihren Mann Karl Kirchner und die beiden Töchter und Lotte und Inge. Johanna Kirchner schreibt Gedichte und macht Handarbeiten für ihre Verwandtschaft..." So liest man in einer Biographie über Johanna Kirchner.
Johanna Kirchner wurde am 24. April 1889 als Tochter des Schreinermeisters Ernst Stunz und seiner Ehefrau Karoline, geborene Prinz, geboren. Großvater Heinrich Prinz
( genannt der "rote Prinz") führte mit seiner Ehefrau Babette eine Gastwirtschaft in der Frankfurter Allerheiligenstraße, die schnell zu einem Treffpunkt für Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurde. Karoline Stunz, und ihr Mann Ernst lebten und arbeiteten in Frankfurt und bekamen drei Töchter und drei Söhne: Johanna, Heinrich, Dorle, Jean, Betty und August. Alle Kinder treten später der SPD bei und sind politisch und sozial vielfältig aktiv. Hanna, die Älteste, besucht die Uhland-Volksschule an der Hanauer Landstraße und anschließend eine zweijährige Handelsschule. A1s 1907 in Frankfurt eine freie Jugendorganisation gegründet wurde, meldet sich Hanna Stunz mit 18 Jahren dort an. 1908, als auch Frauen in Deutschland die Mitgliedschaft bei politischen Parteien erlaubt wird, tritt sie in die SPD ein.
Im Lokal ihrer Großmutter Babette, dem "Linken Treff" in der Allerheiligenstraße, lernt sie den um 6 Jahre älteren Karl Kirchner kennen. Sie arbeitet als Sekretärin in einer großen Firma an der Hanauer Landstraße und hilft ihrer Großmutter als Aushilfskellnerin. Karl Kirchner, ein ausgebildeter Schlosser, schreibt für die "Volksstimme" und gibt die "Sozialdemokratische Korrespondenz" heraus. Hanna begleitet Karl Kirchner zu Gewerkschaftstreffen und Terminen, nimmt Anteil an seiner Arbeit und damit auch an seinem Leben. Sie wird seine Mitarbeiterin.
Karl und Hanna beschließen zusammenzubleiben. Kurz nach der Geburt von Tochter Lotte im Juli 1912 heiraten sie im Januar 1913. Im Juni 1914 kommt Tochter Inge auf die Welt. Zwei Monate später begann der Erste Weltkrieg.
Überall leiden die Menschen in Deutschland. Auch in Frankfurt. Es fehlt am Nötigsten: Essen, Kleidung, Schuhe, ein Dach über dem Kopf. Johanna und Karl Kirchner arbeiten zusammen mit anderen Sozialdemokraten in der Kriegsfürsorge. Sie kümmern sich um die Opfer des Krieges und organisieren einen Mittagstisch für Schulkinder.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges wird 1919 das Wahlrecht für Frauen endgültig festgeschrieben. Im gleichen Jahr gründet die Sozialdemokratin zusammen mit anderen Frauen und Männern die Arbeiterwohlfahrt. Johanna Kirchner gründet im gleichen Jahr zusammen mit Sozialdemokratinnen, Arbeiterinnen und Kämpferinnen für das Frauenrecht einen der ersten Ortsausschüsse der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt.
Kinder und Frauen waren Hannas besondere Anliegen. Auf dem SPD-Parteitag in Kassel hält sie eine viel beachtete Rede. Sie spricht über den Abtreibungsparagraphen und über die soziale Bewältigung des Weltkrieges. Sie organisiert in kürzester Zeit 600 Plätze für die Erholung von Kindern und ist 1925 Mitbegründerin der "Kinderfreunde". Von 1925 bis 1933 ist Karl Kirchner Vorsitzender der SPD- Stadtverordneten Fraktion im Frankfurter Römer. Hanna arbeitet als Angestellte im SPD- Parteibüro. Hanna und Karls Töchter Inge und Lisa machen mit bei der Arbeiterjugendbewegung.

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